Historie der professionellen Reinigung
Der Reinigungseid
Als Reinigungseid bezeichnet man ein Verfahrenselement der Gerichtsbarkeit aus dem frühen und hohen Mittelalter. Der Reinigungseid wurde dabei einem Angeklagten auferlegt, um sich durch die Erfüllung selbigen seiner Schuld reinzuwaschen bzw. seine Unschuld zu bezeugen. Nur wenn der Reinigungseid dem Angeklagten "gelingt", galt er als unschuldig, anderenfalls wurde er verurteilt.
Das Gelingen des Reinigungseides konnte mitunter sehr abstruse Formen annehmen. So galt schon das bloße Versprechen/Verhaspeln bei der Wiederholung der vom Gericht auferlegten Reinigungseid-Formel als Schuldbekenntnis. Die Methodik des Reinigungseides beruhte auf der Überzeugung, dass insbesondere überirdische Mächte im Falle eines Meineidversuchs sofort eingreifen und den Eid misslingen lassen würden. Es konnte auch vorkommen, dass dem Angeklagten nicht das Recht zum Reinigungseid zugesprochen wurde, nämlich dann, wenn er auf frischer Tat (in flagranti) betroffen wurde, ein Tatbestand, den man in der mittelalterlichen Prozessordnung bei "handhafter Tat" nannte. In diesem speziellen Falle durfte der Kläger einen Anklageeid aussprechen, der - wenn gelang - den Angeklagten automatisch schuldig sprach.
Manchmal kam es auch vor, dass Eideshelfer aus der Verwandtschaft den Angeklagten beim Schwören des Reinigungseides unterstützen mussten. Fremde, die über keine Verwandtschaft aus unmittelbarer Nähe verfügten bzw. keinen Eideshelfer beischaffen konnten, mussten sich sodann einem Gottesurteil unterziehen, wie z.B. das Laufen über glühende Kohlen oder das Tragen eines glühenden Hufeisens, wobei keine Brandmarken entstehen durften.
Im späten Mittelalter jedoch verschwanden unter Einwirken der Kirche die Gottesurteile mehr und mehr, welche vom Prinzip her noch aus heidnischer Zeit übernommen worden waren.
Reinigung als Dienstleistung
Nur wenig mehr als einhundert Jahre jung ist die Idee, in Deutschland Reinigungs- und Pflegearbeiten gewerbsmäßig zu organisieren.
Gereinigt wird schon immer, denn es ist nun mal eine Tatsache im menschlichen Leben, dass zwar alles „von selbst" verschmutzt, aber nie von allein wieder sauber wird. Seit Beginn menschlicher Kultur und Zivilisation gibt es das Problem der Schmutzbeseitigung und Werterhaltende Pflege. Es wurde im Wesentlichen jedoch nicht von Leuten angepackt, die wie der moderne Gebäudereiniger eine handwerkliche Grundlage mit allen erforderlichen Kenntnissen besaßen.
In der „Geschichte der Handwerksberufe" ist über die Anfänge der Glas und Gebäudereiniger zu lesen, dass nach dem Dreißigjährigen Krieg in Norddeutschland die „Wand und Wagenwäscher" mit Pferdewagen, bepackt mit Leitern, Bürsten und Besen, Wasser- und Sandkübeln, in die Städte fuhren. Sie reinigten dort die Backsteinhäuser der Bürger. Diese Vorläufer der Gebäudereiniger betätigten sich in der Hauptsache ambulant.
Im Sommer wuschen sie die Wände, und im Winter betrieben sie kleine Fuhrgeschäfte. Die Reinigungsarbeiten führten sie anfangs nur vor den Feiertagen aus, vor Ostern und Pfingsten. Erst allmählich verteilten sich ihre Dienstleistungen über mehrere Monate im Jahr; auch folgten sie immer häufiger vorherigen Bestellungen. Die „Wandwäscher" soll es bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts gegeben haben.Die beginnende Industrialisierung begünstigte die Entwicklung eines eigenständigen Handwerks. Im Jahre 1901 kam das erste Fachblatt, das Zentralblatt der Reinigungsinstitute Deutschlands", heraus. Im selben Jahr wurde auch der erste "Verband der Reinigungsunternehmen Deutschlands" gegründet.Ein anderes wichtiges Ereignis fiel in das Jahr 1905: Der Magistrat der "Königlichen Haupt und Residenzstadt München" beauftragte als erste öffentliche Instanz ein Reinigungsinstitut mit der täglichen Reinigung eines Schulgebäudes. Die erste Regierung eines Landes, die das junge Gewerbe als Handwerk anerkannte, war Sachsen. Das bedeutete: der Handwerker qualifizierte sich durch die Gesellen und Meisterprüfung. Es ging rund. Im wahrsten Wortsinn: rund um die Uhr!Ein Dienstleistungsbereich, bei dem sich schon bald deutlich zeigte, dass mit dem Beginn der gewerblichen Organisation eines Handwerks eine Entwicklung eingeleitet worden war, die sich untrennbar mit dem Fortschritt der Industrialisierung verband.In Berlin des Jahres 1877 begann der aus Lyon stammende Franzose Marius Moussy erstmalig die Reinigung von Fenstern und Fassaden gewerbsmäßig zu betreiben. Schon drei Jahre später gab es ebenfalls in Berlin die ersten Großunternehmen dieser Branche mit der Firma Robert Steahr an der Spitze, welche Filialen in Paris und London sogar in New York hatte.Die Mitglieder des 1901 in Hannover gegründeten Zentralverbandes der Gebäudereiniger Deutschlands trafen sich in der damaligen Zeit regelmäßig zum Erfahrungsaustausch und zur Pflege der Geselligkeit, und so 1906 anlässlich einer Verbandstagung in Eisenach auf der Wartburg.Die ersten technischen Geräte wie Staubsauger für Handbetrieb nach dem Prinzip einer Pumpe kamen schon 1913 auf den Markt. Die schönen Fassaden der Jahrhundertwende wie die vom Kaufhaus Tietz in Düsseldorf, dem Vorläufer des KaDeWe in Berlin, wurden noch umständlich gereinigt. Viele Leitern und viel Personal wurden für die regelmäßige Glas und Fassadenreinigung benötigt. Es ist ein ereignisreicher und steiler Weg, den die Gebäudereiniger in den Letzten 80 Jahren zurückgelegt haben.
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